Abschiedsessen, Samstag 10.10.2026

  • Beitrag veröffentlicht:
  • Beitrags-Kategorie:Tagebuch

Okay geschlafen, nur von einem an diesem Morgen besonders penetrant lauten Kater um kurz nach fünf geweckt worden. Ich hielt brav durch bis kurz vor sechs und ließ den Kater dann auf die Dachterrasse, bis ich um Viertel nach sechs aufstand, aber extrem ausgeschlafen war ich natürlich nicht. Da wir aber den letzten Indientag hatten und ich der Kollegin vor Ort versprochen hatte, am Start zu sein und die Remote-Sachen zu erledigen, die remote erledigt werden konnten, war es sowieso gefühlt ein Arbeitstag. Dazu musste noch Unterricht für Montag und Dienstag vorbereitet werden, und für mein Weiterbildungsportfolio wollte ich auch etwas tun – nun gut. Kein Wochenende für mich.
Erst einmal Katzenmaintance, Küchenrunde und Tee, dann ein bisschen Schreiben. Der Liebste (der schlauerweise seine Schlafzimmertür zugemacht hatte, weil ihn nämlich eine miauende Katze weniger rührt als mich) schlief noch etwas länger und ließ sich erst um zwanzig vor acht blicken.

Da war ich mehr oder weniger schon auf dem Weg nach oben: Mit einer zweiten Tasse Tee machte ich um acht den Rechner an. Das Frühstück brachte mir der Liebste an den Schreibtisch, eine Portion Porridge mit Apfelmus (draußen Regen und echtes Schmuddelwetter, deshalb warmes Frühstück perfekt).
Und dann arbeitete ich halt so vor mich hin. Kurzer Zwischenstand von der Indienkollegin, wo alles passte, ein paar Aufgaben für sie erledigt, dann eine schnelle Dusche. Ein Zoom-Meeting gestartet, und der restliche Vormittag Korrekturen und Unterrichtsvorbereitung für Montag, begleitet von einer Kanne Kräutertee. Zwischendrin schaute ich einmal schnell nach meinen Mails (eigentlich in erster Linie, weil ich eine Information brauchte) und trug ein paar Termine ein, wirklich beantworten tat ich aber nichts.

Um zwanzig vor eins machte ich Mittagspause mit dem Liebsten. Restlicher Zwiebelkuchen (bisschen trocken am zweiten Tag), dazu viel Kaffee, Blick in die Zeitung.
Am Nachmittag dann noch ein paar Stunden konzentrierte Arbeit. Für Indien musste ich noch ein paar Sachen erledigen, dazu mit der Kollegin Informationen austauschen und einmal kurz teamsen, weil jemand anderes vor Ort plötzlich freidrehte und eigene Regeln aufzustellen begann und sie meinen Rat dazu brauchte (großes Augenverdrehen bei mir). Davon abgesehen lief aber alles rund.

Ansonsten Unterrichtsvorbereitung für den Dienstag. Ich werde dort einen Einzelunterricht in einem Format starten, das ich schon länger nicht mehr unterrichtet habe (wird sehr selten nachgefragt) und für das es auch nicht wahnsinnig viel an Material gibt. Ein paar Ideen hatte ich schon im Kopf, aber trotzdem beschloss ich, meinen Bezahlaccount von Lechat mal zu testen, und fragte ihn (mit einem sehr detaillierten, kontextbezogenen Prompt) nach Ideen für Unterrichtsentwürfe und nutzbares Material. Zu meiner Überraschung erstellte er mir ein achtseitiges PDF, das nicht nur alle meine im Prompt aufgelisteten Wünsche exakt abarbeitete, sondern inhaltlich auch wirklich, wirklich gut war. Und von ein paar Übersetzungsfehlern mal abgesehen auch akkurat. Ich war wirklich erstaunt und frage mich jetzt, ob dieser Qualitätssprung tatsächlich daran hängt, dass ich nicht mehr mit der Gratisversion unterwegs bin.

Um vier war ich fertig und ziemlich zufrieden mit allem (die Indienkollegin hatte ich da schon verabschiedet). Kurze Ruhepause, ein bisschen Katerbespaßung, dann mit dem Liebsten auf zum Wocheneinkauf. Der Regen vom Vormittag hatte sich wieder verzogen, es war sogar ein wenig sonnig, aber schon deutlich herbstlich – erstaunlicherweise auch mit jeder Menge Herbstlaub auf den Straßen, die Bäume scheinen das alles innerhalb einer Woche abgeworfen zu haben. (Hängt aber noch viel grünes Laub dran.) Warm war es auch nicht, die grüne Jacke genau richtig. SO froh über das Wetter.
Recht gemütlicher Einkauf, es war wenig los beim Alnatura, etwas mehr beim Bäcker und noch mehr beim dm (keine Ahnung warum). Aber wir bekamen noch alles.

Daheim räumte ich Sachen weg, ging mit dem Kater in den Garten und machte dann ein bisschen Handyrätsel (habe ein neues entdeckt, Clues for Sam, das im Moment noch eine ziemliche Herausforderung ist), während der Liebste (der von der Leipziger Messe immer noch müde war) eine halbe Stunde auf dem Sofa schlief. Gegen halb sieben waren wir beide wieder fit und parat und gingen zur verschobenen Freitags-Datumsnacht in die Innenstadt. Zielsetzung: Der Lieblings-Altstadtitaliener, bei dem wir schon ein paar Wochen nicht mehr waren.

Und wie sich herausstellte, war es der exakt richtige, allerletzte Zeitpunkt. Der Wirt hatte uns im Sommer bereits erzählt, dass er „im Herbst“ sein Lokal aufgeben und sich in die Rente zurückziehen würde, und na ja, „Herbst“ war jetzt. Die beiden sehr netten, langjährigen Angestellten waren beide schon gekündigt (und hatten beide etwas Anderes gefunden), er war mit seiner Frau und dem Koch dabei, den Laden abzuwickeln – ab Montag ist endgültig zu.
Dem Essen merkte man das allerdings nicht an, Salat, Pizzabrot, Spaghetti Pomodoro und Spaghetti Aglio e’Olio waren gut wie immer. Nur den Wein hatte er natürlich nicht mehr nachbestellt, weshalb es den Rosé vom Gardasee nicht mehr gab. Er empfahl einen Weißwein aus Lugano stattdessen, mit dem wir ebenfalls zufrieden waren. Danach noch ein Espresso, so gesehen alles wie immer.

Aber natürlich war die Stimmung bittersüß. Wir waren sowieso beide recht melancholisch und nicht allzu positiv gestimmt in die Stadt gegangen (Arbeitsbelastung, Müdigkeit, Herbststimmung, Weltlage, all dieses), und dass wir jetzt etwas ungeplant noch so eine Art Abschiedsessen hatten, passte dazu natürlich komplett. Alles ist vergänglich, wir werden unaufhaltsam älter, die Stadt ist nicht mehr so, wie wir sie früher mal kannten, na ja. Diese Gedankengänge eben. Und es ist nicht so ganz falsch: Das Gastro-Angebot in der Stadt wird zunehmend schlechter, was teilweise der schwierigen ökonomischen Situation geschuldet ist, in der sich die Gastrobranche generell befindet (seit Covid nicht mehr richtig berappelt), teilweise aber auch damit zu tun hat, dass wir einfach, na ja, nicht mehr zur jungen Generation gehören und vielleicht der aktuelle Zeitgeist und Modegeschmack nicht mehr unserer ist. Eventgastro, Schnickschnack-Bowls, alles auf Bar und Bistro und hip und schnell gemacht – ich fürchte, die Zeit der netten, lokalen, gemütlichen italienischen Restaurants hat sich überlebt. (Es gibt zwar noch ein paar in der Stadt, aber die struggeln alle auch.) Wir hatten ja kurz die Hoffnung, dass am gleichen Standort wieder ein gutes, vielleicht sogar besseres Restaurant aufmachen wird, aber wie der Wirt uns erzählte, kommt da wohl so ein f*cking L’Osteria rein. Das hat Tübingen ja gerade noch gefehlt. Beknackte Restaurantketten. (Dass es eine Kette ist, ist dabei nicht das Problem, sondern halt die halbgare Essensqualität.)

Ein eher melancholischer, aber trotzdem sehr schöner Abend also. Wir waren die letzten Gäste (alle um uns herum verabschiedeten den Wirt ausführlich, wir sind wahrlich nicht die einzigen Stammgäste dort), natürlich bekamen wir wie immer einen Grappa zum Abschluss spendiert. Und weil es halt der letzte Abend war und er die ganzen angebrochenen Flaschen ja nicht allein leertrinken kann, stellte der Wirt uns die Grappaflasche einfach zum Nachschenken auf den Tisch. Dazu ausführliches Reden, natürlich alles nicht so positiv (überall geht es den Bach runter, Italien, Deutschland, alles, und was soll er jetzt mit der freien Zeit anfangen, die Rente ist schmal genug, und die Kinder haben am Business auch kein Interesse mehr, und überhaupt). Er wird jetzt erst einmal für ein paar Monate nach Griechenland gehen, weil seine Frau da herkommt, und dann mal sehen. (Klingt nicht nach soooo einem schlechten Plan für mich.)

Total passend zu allem kam dann ausgerechnet auch noch der Blumenverkäufer herein, der in der Stadt eine komplette Institution ist (jeder kennt ihn, er verkaufte schon Blumen, als ich zum Studieren herkam). Und zwar kam er, soweit ich sah, in erster Linie, um den Wirt zu verabschieden. Aber da wir halt noch da waren und es zur Gesamtsituation komplett passte, kauften wir ihm zwei Rosen ab, eine rote und eine weiße. Worauf er uns noch fünf weitere dazu schenkte. Worauf der Liebste ihm einen großzügigen Geldschein in die Hand drückte. So eine Art von Abend war das nämlich.

Um halb zehn verabschiedeten wir uns endgültig per Handschlag und mit dem Versprechen, dass wir uns sicher (wenn er aus Griechenland wieder zurück ist) in der Stadt sehen werden – so groß ist sie ja nicht. (Und ein paar alteingesessene Flecken gibt es nach wie vor, so zum Beispiel das liebste italienische Altstadtbistro – der Wirt dort ist ungefähr gleich alt, aber er hat sich schon halb zurückgezogen und den Laden der Tochter übergeben, es läuft also weiter).
Dann ein wenig angeschickert (aber nicht schlimm betrunken) und in nostalgischer Stimmung nach Hause. Dort noch etwas aufs Sofa, ich hatte aber keine Lust auf die Rookies, der Liebste keine Lust auf Comedy, also las ich ein bisschen auf Mastodon herum, während der Liebste auf Netflix herumklickte und bei Ice Age 5 landete. Was sich sehr schnell als nerviger echter Blödsinn herausstellte. (Der erste Ice Age-Film war ja echt großartig, aber dieser – liebe Güte.) Ich schaute deshalb auch nicht zu und ging recht bald schlafen. Passte zum Abend besser als irgendwelches quietschige Zeichentrickzeug.