Mit dem Vogelzwitschern wach geworden, noch ein bisschen herumgedöst. Als es schließlich richtig hell war, stand ich auf und sah auf dem Funkwecker, dass es 6:35 war, also richtige Aufstehzeit. Habe ich schon gesagt, was für ein großer Fan der Zeitumstellung ich bin? Da es gefühlt ja noch früh war, machten die Katzen auch noch keinen Rabatz. Magi kam mal nachschauen, als ich oben herumrumorte, und war dann mit einer Fütterung schon zufrieden. Und der Nasenkater war sowieso alle drei Minuten am rausrennen, reinkommen, rausrennen, durchs Wohnzimmer tigern, die reinste Frühlingsunruhe in diesem Tier. Es war halt auch SO VIEL LOS im Garten!!!
Also alle sehr zufrieden mit diesem schönen Sonntagmorgen (blauer Himmel, Plusgrade, Garten verwandelt sich allmählich in ein Schlüsselblumenmeer), auch der Liebste, der eine Stunde später nach oben kam und sich gleich ans englische Frühstück machte. Nur dass ich offensichtlich einen ordentlichen Heuschnupfenschub bekam und mir permanent die Nase lief, fand ich nicht so überzeugend. Leider auch ein typisches Frühlingszeichen. Es beruhigtes sich nach anderthalb Stunden zum Glück einigermaßen.
Ein recht entspannter Sonntag. Nach dem Frühstück und einer zweiten Tasse Tee ging ich nach oben und machte (…wie so ein Mensch mit guten Vorsätzen) 25 Minuten Yoga, ein Adriene-Progamm für den Morgen. Relativ anstrengend (wie meistens bei Adriene), mit 25 Minuten eine gute Länge, ich setzte mir gleich mal ein Bookmark. Danach duschen, Haare waschen, der Liebste rasierte sich, und weil es sich dann so richtig lohnte, putzten wir gleich gründlich das Bad. Danach Wäsche sortieren, ich startete eine Maschine, räumte ein bisschen die Küche auf, hängte Wäsche auf und bügelte. Alles nicht ungewöhnlich, aber das war alles am Vormittag, und während die zweite Wäsche lief (und Howard das Erdgeschoss saugte), verzog ich mich den restlichen Vormittag ins Schlafzimmer und las das Buch zu Ende.
Das Buch: Das schon erwähnte Springweg brennt von Markus Pfeifer, eine kurze autobiographische Geschichte (140 Seiten, als „Novelle“ bezeichnet) über Pfeifers Zeit in Utrecht in der Hausbesetzerszene in den 90er Jahren. Konkret die (mehrfache) Besetzung eines Altstadthauses im Springweg. Das Haus ist recht heruntergekommen, die Nachbarn (ausgesprochen offen und den Hausbesetzern zuneigt) freuen sich, dass endlich wieder jemand danach schaut. Bald stellt sich heraus, dass das Haus eine düstere Vorgeschichte hat, es gab mehrere grausige Todesfälle und die Atmosphäre ist dementsprechend. Und kaum ist wieder jemand im Haus, mehren sich die merkwürdigen Vorfälle, man sieht Lichter und Gestalten in unbewohnten Stockwerken, hört Klopfgeräusche, die Hunde knurren Dinge an, die nicht zu sehen sind. „Eigentlich hasste ich dieses Haus“ sagt der Protagonist einmal, und diese Kontradiktion macht viel von der Spannung des Buches aus, denn die Spukelemente bilden nur den Hintergrund vor der eigentlichen Hausbesetzer-Geschichte: Aushandlung von Wohnraum, Konflikte zwischen Bewohner:innen, Gespräche und Auseinandersetzungen mit der Polizei, Räumungsbefehle. Die verschiedenen Grade an Politisierung in der Besetzerszene, die Frage nach der Akzeptanz von Gewalt gegenüber der Polizei, nach dem Umgang mit gewalttätigen oder psychisch auffälligen Mitbewohnenden. Die Eigenwahrnehmung und Wahrnehmung von außen (Hausbesetzungen waren ja nicht nur in den Niederlanden ein großes Politikum). Bis die Ereignisse sich schließlich intensivieren und die Geschichte auf ihren Schlusspunkt zuläuft.
Ein atmosphärisch unglaublich dichtes und auch spannendes Buch, wenngleich die Spannung nicht das prägende Element der Geschichte ist (auch nicht die Spukanteile – es ist keine „Gespenstergeschichte“, die Gruselstellen wirken eher ein wenig symbolisch, wie Vorboten des unausweichlich kommenden Zerfalls). Ich fühlte mich ausgesprochen mitgenommen in diese Hausbesetzerszene, die mir einerseits sehr fremd ist (ich habe gar keine persönlichen Berührungspunkte dazu, auch nicht im Freundeskreis), andererseits aber genug Anknüpfung bietet, einfach weil Pfeifer und ich beinah der gleiche Jahrgang sind und ich so viel Zeitgeschichte der 90er Jahre wiedererkannte. Hätte man die Charaktere und die Entwicklung ihrer Beziehungen noch weiter vertieft, hätte daraus gut ein Roman von 250 Seiten werden können, so ist es eine Geschichte, in der am Ende nicht die Menschen, sondern das Haus im Zentrum steht, und das macht durchaus einen besonderen Reiz aus. Insgesamt war ich beinah überrascht, wie gern ich es gelesen hatte. Genau das Richtige für ein entspanntes Wochenende daheim.
Gegen Mittag war ich mit dem Buch durch. Zum Mittagessen die zweite Hälfte des Orzo-Auflaufs (fast noch besser am zweiten Tag), dann etwas Kaffee und ein Blick ins Internet, ich hängte die zweite Maschine Wäsche auf und bügelte ein wenig. Daneben ein etwas deprimierender Podcast: In aller Ruhe mit Carolin Emcke, die in der neuesten Folge mit dem US-amerikanischen Politikwissenschaftler Bernhard Harcourt über die Entwicklung der USA hin zu einem faschistischen Staat spricht (und die Frage „ist das ein Coup oder eine Gegenrevolution?“ – seine These: Wir sehen eine Gegenrevolution ohne vorangegangene Revolution). Darüber habe ich in den letzten Wochen ja viel gelesen und gehört, aber diese Analyse war noch einmal tiefergehend und dementsprechend nicht gerade gut für die Laune.
Um dem etwas entgegenzusetzen, gingen der Liebste und ich auf einen langen Spaziergang (wie so Menschen mit guten Vorsätzen), anderthalb Stunden einmal am großen Fluss entlang Richtung Oststadt, um den Österberg herum und wieder in die Innenstadt. Dort waren wir dann gerade um kurz vor fünf und damit genau richtig, um beim Lieblingscafé in der Altstadt einen Aperitif zu nehmen (dort gibt es den Crodino auch, kein Wunder, das Café führt ein Italiener). Dann gemütlich nach Hause. Dort hängte ich die letzte Maschine Wäsche auf, machte einen Wochenplan für die kommende Woche und bestellte die Gemüsekiste. Damit war wirklich das komplette Haushaltszeug erledigt, und wir waren früh dran und hatten sogar Zeit für Yoga und Spaziergang und so gehabt – und das alles bei einer Stunde weniger!! Großartig.
Gemeinsames Kochen war ein neues Rezept, eine Lasagne mit Wirsing, Walnüssen und Linsen. Ein bisschen eine Sauerei beim Kochen (in erster Linie weil man den Wirsing in der Küchenmaschine schreddert und danach die ganze Küche voller Kohlschnipsel hat), das Resultat aber sehr gut, wir waren sehr angetan davon. Irgendwie gibt es für meinen Geschmack ja gar nicht so viele richtig gute Wirsingrezepte, leider. Auf jeden Fall schönes Spätwinter-/Frühlingsgericht.
Nach dem Essen zwei (sehr nette) Folgen SG1, um zehn ins Bett, mit Müdigkeitsgefühl genau zur richtigen Zeit.