Charly, oder: Magi

Schon seit vielen Jahren, fast direkt nach meinem Einzug beim Liebsten, lebten wir mit einem Kater, nämlich unserem tollen Nasenkater, diesem scheuen, zarten Babytier. So richtig gut kam er mit anderen Katzen nicht zurecht, entweder hatte er Angst oder wollte hauen (oder wurde verhauen). Aber das sollte sich ändern. Am 1.7.2023 erwähnte ich das erste Mal im Blog, dass irgendein braungetigerter „Nachbarkater“ seit einigen Tagen regelmäßig bei uns auftauchte. Ich kannte ihn eigentlich schon (er war einige Jahre vorher schon gelegentlich durch unseren Garten gestiefelt), aber mir fiel auf: Er war sehr abgemagert, hatte struppiges Fell, und vor allem: Er blieb im Garten und ging nicht mehr weg. Merkwürdig. Der Nasenkater schien das auch zu finden, auf jeden Fall zeigte er sehr großes Interesse an dem markanten, mageren Tier mit seinem links geschlitzten Ohr.

Ende Juli 2023 machten wir uns so langsam Gedanken, wo er denn hingehörte. Wir fragten bei den Nachbarn rum und es wurde klar: Zu keinem. Wir begannen ihm also auf der Terrasse Futter zu geben, und er schlief auf den Decken auf dem alten Hasenstall. Ich entschloss mich, dem ganzen etwas genauer nachzugehen. Im September 2023 fanden wir seine Tätowierung heraus, ich rief bei Tasso an, wo man uns die Adresse (in der Nachbarstraße) gab und die Info, dass er aber als „Besitzer unbekannt verzogen“ markiert sei und die Handynummer nicht mehr gültig. Wir klapperten die Nachbarstraße ab, fanden dort niemanden mehr – vermutlich waren die Besitzer verstorben oder ins Pflegeheim gekommen oder so. Damit war klar: Er bleibt bei uns. Und wir hatten seinen „echten“ Namen: Er hieß Charly. Aber bei uns lief er immer als Magi, denn das, nämlich ein mageres Katzentier, war er gewesen, als er in unser Leben geschlichen war.

Im Oktober ließen wir ihn bei der Tierärztin chippen und durchchecken. Im November 2023 dann die erste größere medizinische Geschichte: Die Zähne wurden gerichtet, sodass er wieder richtig fressen konnte – wir hatten die Hoffnung, dass sich das Abmagern damit schon geklärt hätte. Außerdem Röntgen, Ultraschall, Bluttest, und von wegen nur Zähne: Das Tier war eine einzige Großbaustelle. Nieren im Eimer, Leber im Eimer, Blutwerte katastrophal, Gelenke und Wirbelsäule ebenfalls nicht gut. Außerdem gab es denn Verdacht auf ein Lymphom. Im Endeffekt war er, damals 13 Jahre alt, einfach ziemlich krank, und wir stellten uns darauf ein, ihm noch „ein paar schöne Monate“ zu bereiten, aber gingen davon aus, dass er kein halbes Jahr mehr leben würde.

Es wurden am Ende drei. Das Gesundheitsthema blieb natürlich bestimmend (es war halt eine multimorbide, sehr alte Katze, irgendwann hatten wir auch den Verdacht, dass er ein wenig dement wurde – ganz sicher waren wir aber bis zum Schluss nicht). Er bekam viele, viele Medikamente, am Ende waren es fünf oder sechs (natürlich gesellte sich zu allem anderen noch ein verdickter Herzmuskel und eine schlecht schließende Herzklappe, wie Anfang 2025 diagnostiziert wurde), davon mehrere zweimal täglich. Außerdem regelmäßiges Bürsten, weil er die Fellpflege nicht mehr hinkriegte, Fell- und Augenkontrolle und regelmäßiges Atemfrequenz-Messen. Alles Dauerbaustellen.

Das bedeutete aber nicht, dass er sich wie ein krankes Tier verhalten hätte, im Gegenteil. Natürlich war er nicht mehr so agil, aber er wollte raus, er war am liebsten im Garten, er pennte unter Bäumen und Büschen, und er marschierte sein kleines Revier ab und besuchte die Leute ringsherum.
Seine „Zweitfamilie“ links gegenüber lernen wir gleich im Sommer 2023 kennen, als wir bei den Nachbarn herumfragten: Sie hatten ihn auch gelegentlich gefüttert (klar, er war bekannt und es war aufgefallen, dass er mager war), aber es war ihnen sehr recht, dass wir ihn jetzt zu uns genommen hatten. Dieser kleine Charmeur suchte sich seine Plätze. Im Sommer 2025 lernten wir dann seine „Drittfamilie“ kennen, nämlich meine ehemalige WG rechts gegenüber, wo er sehr gern auf der Terrasse schlief. Und natürlich gelegentlich nach Futter bettelte. Hier wurde er aber auf unser Bitten hin explizit *nicht* gefüttert. Trotzdem hielt er sich ganz gern dort auf. Wie genauso im Garten uns direkt gegenüber, dort zwar ohne Menschenkontakt, aber er lag gern am Gartenteich und auf einem Stapel alter Decken auf der Terrasse. Für uns bedeutete das viele Male den Kohleweg abzumarschieren, wenn er zur Futterzeit nicht aufzufinden war. Zuverlässig blieb er aber immer im Kosmos der angrenzenden Gärten – für längere Touren war er zu alt. Und die Nachbarstraße (deren Gärten hinten an unsere grenzen) war ja seine ursprüngliche Heimat.

Der Nasenkater blieb bis zum Schluss an Magi sehr interessiert, lief ihm hinterher, schlief in seiner Nähe. Magi war klar die dominante Katze, er legte sich dem Kater in den Weg, beanspruchte die guten Sofaplätze für sich, haute auch schon mal, wenn er sich durchsetzen wollte. Dass er eigentlich alt und schwach (und zahnlos) war, das „wusste“ er nicht. Und der Nasenkater akzeptierte das. Insgesamt vertrugen sich beide aber gut und schliefen sehr gern gemeinsam auf dem Sofa oder im Sommer auf dem Liegestuhl. Und wenn eine der Nachbarskatzen durch den Garten lief und der Nasenkater mit Flaschenbürstenschwanz Panik schob, dann stellte sich Magi sich souverän hin und miaute die andere Katze weg. Von mir mit Sorge beobachtet, denn in einem echten Kampf hätte er wenig Chancen gehabt. Aber er hatte eine Ausstrahlung, die von den anderen Katzen offensichtlich wahrgenommen wurde, egal wie mager er war.

Sein Gewicht betrugt beim Auffinden 3,1 kg, wir kriegten es zwischendrin auf 4,1 Kilo. (Normal wären für ihn 5-6 Kilo gewesen, bei Tasso war er als „stattlicher Kater“ eingetragen.) Allerdings stellte sich anderthalb Jahre später raus, dass er zwar kein Lymphom hatte (gute Nachricht!), aber eine gutartige Wucherung der Schilddrüse, und das erklärte die Magerkeit. Wir bekamen Tabletten, am Ende Tropfen, aber die Werte waren so erratisch und schwankten so sehr, dass es eine Dauerbaustelle blieb. Am Ende, als er so sehr abbaute und wir die Schilddrüse einfach nicht mehr in den Griff bekamen, waren es nur noch 2,8 Kilo. Am allerletzten Tag bei der Tierärztin wogen wir ihn gar nicht mehr. Es war ziemlich herzzerreißend.

Zu allen Organ-Baustellen kam im März 2025 auch noch eine ordentliche Krallenbettentzündung. Die Kralle musste entfernt werden und er brauchte Antibiotika, aber er ließ alles geduldig über sich ergehen, auch das Hinken mit dem riesigen, klumpigen Verband am Fuß. Nur dass er trotz Verband versuchte, morgens auf der Treppe mir entgegenzukommen, als ich ihnen das Futter richtete, und er sich nicht mehr abfangen konnte und einen knappen Meter nach unten klatschte (abfedern konnte er mit der verbundenen Pfote ja auch nicht mehr). Er hatte sich nichts getan, ich mich aber furchtbar erschreckt. Deshalb fabrizierte der Liebste als Notfallgeländer unseren alten Wäscheständer an den Handlauf, und ein Jahr später dann einen zweiten Handlauf in Katzenkörperhöhe. Da konnten beide dann zwar theoretisch immer noch drübersteigen, aber es hielt sie ganz gut zurück.

In den kalten Monaten blieb er gern bei uns im Haus. Benutzte die Katzenklos zuverlässig, kam uns in unseren Arbeitszimmern besuchen, schaute nachts nach uns und pennte auf dem Sofa. Und ganz besonders gern: Bei mir oder (noch lieber!) beim Liebsten auf dem Bauch oder auf den Beinen. Da latschte er einfach selbstverständlich drauf und legte sich hin, sodass man sich kaum mehr rühren konnte. Das war EXTREM niedlich, aber auch manchmal anstrengend. Irgendwann machte ich die Schlafzimmertür oben zu, weil Magi sich angewöhnte, mich gegen fünf zu wecken und über mich drüberzulatschen (das Anstupsen im Gesicht ließ er bald bleiben, aber trotzdem schlief ich nicht mehr). Nur in den letzten Monaten war die Tür wieder offen, und das nahm er auch mehrfach in Anspruch, das letzte Mal wenige Tage vor seinem Tod. Er hatte halt immer mehr Mühe mit den Treppen.

Tagsüber waren natürlich alle Türen offen, und er benutzte auch alle diversen Schlafplätze: Sehr gern im Schlafzimmer auf dem Bett, vor allem in der Winterzeit, wenn die dicke Decke dort lag (er machte sich dann eine kleine Kuhle), gelegentlich im Arbeitszimmer im extra gekauften kleinen Korb, selten auch im extra gekauften Kindersessel (ein Ikea-Poäng in Mini). Und natürlich im Wohnzimmer auf dem Sofa oder dem Lesesessel. Eher selten im unteren Schlafzimmer, aber dafür natürlich in der warmen Jahreszeit sehr viel im Garten: Auf der Terrasse auf den Kisten, auf dem Schattendeck im Liegestuhl, oder einfach nur im Gras, wo er sich diverse Kuhlen reintrampelte und dorthin zurückzog. (Und Zecken sammelte – er hatte viele.)

Viele, viele, viele Tierarzttermine, die er aber geduldig ertrug (nur das Autofahren und die Box fand er blöd). Er schnurrte auf dem Untersuchungstisch und zeigte keine Angst. Dieser kleine Labrador: Wenn man ihn vorne häppchenweise mit Leckerchen fütterte, konnte man ihm sogar Blut abnehmen und er ließ es machen, Hauptsache Futter. Das war so ungewöhnlich und fanden die Leute in der Praxis so nett, dass es sogar Eingang in seine Patientenakte fand. Er wurde von der Tierärztin und den Helferinnen dort sehr ins Herz geschlossen.

Im Lauf der Zeit konnten wir dann zusehen, wie er schnell älter und älter wurde. Einen Großteil seiner Zähne hatte er ja Ende 2023 schon eingebüßt, sodass er nicht mehr richtig beißen, sondern eher nur noch abschlotzen konnte (trotzdem schaffte er es, neben dem Nassfutter gelegentlich auch Trockenfutter zu fressen, und im August 2025 schleppte er sogar noch einen getöteten Frosch nach Hause und fraß ihn in aller Seelenruhe im Wohnzimmer). Dann waren die Gelenke natürlich Dauerbaustelle – Katzenbaum ging nicht mehr, auf die Stühle am Esstisch ging er so nach zwei Jahren auch nicht mehr gern. Das Sofa ging bis zum Schluss, aber wir stellten ihm irgendwann einen kleinen Puppenstubentisch ans lange Sofaende, den er als Treppenstufe benutzen konnte (damit war der Abstand kleiner). Und beim Bett oben räumte ich einen Nachttisch leer, der ihm dann ebenfalls als Treppenstufe diente. Die Muskeln bauten natürlich auch extrem ab, weil er halt so furchtbar mager war. Das führte recht bald dazu, dass er die Krallen nicht mehr einziehen konnte – war ihm egal (die Tierärztin knipste ihm die allzu langen Enden ab), aber es war für uns unangenehm, denn auch wenn er nur ganz vorsichtig, warnend oder auch nur spielerisch, mit der Pfote nach uns haute, hatten wir sofort die Krallen in der Haut. Hören konnte man ihn dadurch im Übrigen auch: Jeder Schritt auf dem Holzriemenboden war durch das Krallenklappern zu hören. Es klang, als würde ein kleiner Löwe durchs Haus laufen.

Wir machten uns natürlich Gedanken, wie viel Lebensqualität er mit diesen Einschränkungen noch hatte (klettern ging nicht mehr, spielen ging nicht mehr, jagen ging nicht mehr…). Andererseits wollte er noch kuscheln, schlafen und fressen, das schien ihm am wichtigsten zu sein. Und tatsächlich kletterte er zwei Tage vor seinem Tod, da schon sehr wacklig, allen Ernstes noch vom Balkon im ersten Stock auf den Schuppen und von dort auf die Katzentreppe in den Garten – wir hatten einen Moment nicht aufgepasst, als er auf den Balkon gelaufen war. Der Balkon hat einen ziemlichen Abstand vom Schuppen, das geht nur, wenn man balancieren und ein bisschen springen kann, und beides kann er eigentlich nicht mehr. Puh. Mir blieb fast das Herz stehen, aber er stürzte nicht ab (und ließ sich von mir, die panikartig nach unten in den Garten gelaufen war, dann die letzten drei Stufen über die Katzentreppe nach unten helfen). Bewegungsdrang hatte er also bis zum Schluss eigentlich noch. Wenn er nicht gerade schlief.

Ab diesem Jahr ging es ziemlich schnell bergab. Die erste große Hitzewelle an Pfingsten wäre schon fast sein Ende gewesen, mit seinen Herz- und Nierenproblemen, zu denen dann eine akute Infektion kam. Das führte sehr schnell dazu, dass er das Trinken einstellte, und das ist bei nierenkranken Katzen und über 30 Grad im Schatten keine gute Idee. Wir bekamen das zwar noch einmal eingefangen: Antibiotika gegen die Infektion, notfallmäßig bei der Vertretungstierärztin, weil solche Sachen natürlich immer passieren, wenn die eigene Tierärztin Urlaub hat, und später dann noch eine zweite Runde Antibiotika, weil der Infekt mit verklebten Augen und allem hartnäckig war, und außerdem eine Runde Infusionen, um den Flüssigkeitshaushalt zu stabilisieren. Aber wir merkten schon, dass das so langsam ein Anschaufeln gegen einen bergab rutschenden Sandhaufen wurde. Deshalb besprachen wir am 1. Juni, als er zum Check da war, mit unserer Tierärztin die Perspektiven: Wie geht es weiter, was machen wir noch, welche Perspektiven hat er. Wir waren uns einig: Wenn es wieder so schlecht wird, und insbesondere wenn er das Fressen einstellt, dann muss man über das Einschläfern nachdenken.

Die zweite, schlimme Hitzewelle Ende Juni überstand er überraschend gut, aber bei der dritten Welle Ende Juli war es dann soweit. Er hatte die letzten Wochen fast nur noch geschlafen und herumgelegen, und als die Temperaturen stiegen, da erwischte ihn der nächste Infekt. Nase angeschwollen, Augen verklebt, und am zweiten Tag wollte er auch nicht mehr fressen. Das war der 31.7., natürlich war die Tierärztin wieder im Urlaub, aber die Vertretungstierärztin (die wir schon kannten) ließ sich die Blutwerte zeigen, schaute das Tier an und war dann ziemlich klar in ihrer Empfehlung. Und so machten wir es dann. Der Liebste nahm Magi auf den Schoß (der alles mit sich geschehen ließ), und dort durfte er friedlich einschlafen. Im Alter von 16 Jahren, hochbetagt und am Ende angekommen. Ziemlich exakt genau drei Jahre, nachdem er bei uns eingezogen war.

Mach’s gut, Magi. Danke, dass wir deine letzten drei Lebensjahre deine Menschen sein durften. Du einzigartige, tolle, besondere Charakterkatze.