In der Nacht begann es zu regnen, teilweise ziemlich heftig – morgens um sechs schönes Zeltplatzgefühl, als ich unter der (dickeren, es war recht kühl) Decke aufwachte und den Regen auf die abgedeckten Balkonmöbel prasseln hörte. Ich schlief noch einmal ein und stand um zehn nach sieben endgültig auf.
Erst einmal Katermaintenance: Ich sah den Nasenkater neugierig an der Stelle auf der Terrasse herumschnüffeln, wo der Liebste gestern irgendwelches Duftspray versprüht hatte – keine Ahnung, ob er Ratten/Mäuse/whatever roch oder das Spray oder alles. Er kam auf jeden Fall gleich eifrig rein. Magi holte ich aber vom Schattendeck, ich wollte nicht, dass er langsam durch den Garten wackelte und auf dem Weg klatschnass wurde (morgens kein richtiger Gewitterregen mehr, aber es schien sich eingeregnet zu haben und war noch recht stark). Medikamentengabe und Fütterung bei beiden problemlos, der Liebste gab Magi noch seine Hormone und dann marschierten beide wieder raus. Obwohl es im Haus trocken und warm gewesen wäre und sie (Magi vor allem) jetzt halt doch nass wurden. Okay.
Urlaubstag mit Regen, wenig Pläne (außer Putzen und Wäsche und so), dazu kein englisches Frühstück, weil wir keine Pilze geholt hatten: Deshalb machte der Liebste uns nach kleiner Küchenrunde Waffeln mit Apfelmus. Großartiger Start in den Tag!
Als Tagesaufgabe hatte ich mir ja einen großen Teil „Rumhängen“ und „Internet leerlesen“ vorgenommen, und genau das machte ich dann auch. Erst einmal ein bisschen Schreiben und Blog auf den neuesten Stand bringen, dann eine Kanne Kaffee und eine Kanne Bancha kochen, und dann halt Esstisch am Laptop. Und das, wie der Liebste sagte, völlig ohne schlechtes Gewissen wegen „du musst doch den freien Tag NuTZeN und was SChÖneS machEN“ blabla, denn: Die nächsten Tage sind auch noch frei.
Zum Mittagessen zweite Hälfte Minestrone, noch etwas Kaffee, und irgendwann ging ich nach oben und wurde produktiv. Erntete einige Tomaten von der Dachterrasse, ließ Harold oben saugen, wischte Staub in den Regalen, bezog die Betten frisch, wischte das obere Stockwerk und widmete mich dann der gründlichen Körperpflege. Außerdem ließ ich eine Maschine Wäsche laufen und hängte sie auf, und weil ich dann immer noch Zeit übrig hatte, setzte ich mich in den Lesesessel und las mein aktuelles Buch fertig.
Im Buch Muss ich das gelesen haben? Von Theresa Reichl setzt sich die Autorin (so eine Millenial-Germanistin, und das schreibe ich nur, weil ihr die Generationszugehörigkeit als noch-nicht-Establishment-alt und für die Generation Z schreibend, ohne eine zu sein, selbst so wichtig ist) mit dem aktuellen Literaturkanon auseinander, also vor allem mit dem, was in den Lehrplänen der Schulen steht und typischerweise gelesen wird. (Und damit auch im germanistischen Staatsexamen – in meinem literaturwissenschaftlichen Magister war das deutlich freier gestaltet.) Wenig überraschend: Das ist alles komplett undivers, weil die Aufgabe des Kanons ja nie war, „die beste“ oder „wertvollste“ Literatur darzustellen (welcher Mensch mit drei Fasern Verstand hat das denn je ernsthaft geglaubt?), sondern Machtverhältnisse darzustellen und zu festigen. Also natürlich nichts von Frauen (weil es ihnen anfangs verboten wurde und sie später nicht ernst genommen wurden/werden), nichts von Schwarzen Autor*innen (dito), Texte von queeren Autor*innen nur sehr versteckt und so weiter.
Was für mich interessant war, war ihre Auseinandersetzung damit, nämlich nicht nur eine Abschaffung des Kanons zu fordern, sondern einfach mal detailliert aufzulisten, dass es sehr wohl eine Menge bereichernd zu lesender Literatur von allen marginalisierten Gruppen gibt. Und zwar nicht erst seit gestern, sondern teilweise wirklich alt, wenn man überhaupt „alt“ als sinnvolles Kriterium für einen Klassiker hernehmen will. Während ich den ganzen kritisch-diskursiven Teil aus meinem Studium schon kannte (denn da wurde – wie gesagt Magister – das natürlich auch schon hoch- und runterdiskutiert, und dass das jetzt über 20 Jahre her ist und man in den Schulen immer noch nur den alten Krempel liest, ist das eigentlich Traurige daran), war hier eine ganze Menge an neuen Anregungen dabei. Insgesamt also ein Buch, das sich gelohnt hat und das ich empfehlen kann. Sogar an den für mich etwas unangenehme Versuch, sich mit einem überbordenden Einsatz von Anglizismen und Slang an die Generation Z ranzuwanzen, gewöhnt man sich nach ein paar Kapiteln.
Um kurz nach sieben (Wäsche fertig, mein Buch fertig, der Liebste auch irgendwann geduscht) gingen wir aus dem Haus, die Datumsnacht vom Freitag nachholen. Es war erstaunlich kühl geworden, deshalb hatte ich eine lange Hose und steckte ein Strickjäckchen ein. Die Stadt war noch recht voll (den Tag über hatte dort ein Triathlon stattgefunden, wir hatten daheim durch die offene Balkontür den Lärm des Publikums und den Ansager gehört), „unser“ Lieblingsitaliener hatte aber schon einen Teil der Tische draußen abgedeckt, und das um halb acht. Wunderte uns etwas, aber wir gingen eben unten hin und bekamen noch einen Tisch. Wie wir schnell feststellten, waren wir die letzten Gäste, die Leute zehn Minuten nach uns wurden schon weggeschickt: Er machte schon etwas früher zu. Es war wohl den ganzen Tag über die Hölle los gewesen, und dann fühlte sich die Wirtin auch nicht wohl (das Restaurant wird von einem Ehepaar betrieben). Weil wir dort aber als Stammkunden bekannt sind, nahm er uns als letzte noch rein.
Wir hielten uns mit großen Mengen an Essen und Trinken dementsprechend zurück – auch weil es sich so anfühlte, als würde ich ein bisschen Kopfweh bekommen. (Bestätigte sich später nicht.) Deshalb kein Wein, nur einen Prosecco, dazu Ofengemüse als Vorspeise, dann Spaghetti Aglio e Olio für mich und Penne Arrabbiata für den Liebsten. Bewährtes, gutes Essen.
Am Ende noch ein bisschen Unterhaltung mit dem Wirt, der uns bei dieser Gelegenheit eröffnete, dass er in ungefähr vier Monaten plant, das Restaurant zu schließen und in Rente zu gehen. Mal sehen, ob das dann wirklich so kommt, aber andererseits ist er jetzt 71 und will nicht mehr ewig arbeiten. Zumal es sich finanziell kaum noch lohnt und er die Arbeit mit den Gästen immer schwieriger findet (wollen weniger Geld ausgeben, werden anspruchsvoller und unhöflicher, haben weniger Interesse daran, einen schönen Abend im Restaurant zu verbringen, früher war alles besser – so ungefähr). Wir natürlich nicht, er quatscht ja immer super gern mit uns, und wir haben auch kein Problem damit, dort lang zu bleiben und ein bisschen Geld dazulassen – zumal es sowieso nicht teuer ist. Dementsprechend bekamen wir, quasi auch schon traditionell, einen Grappa zum Abschluss spendiert (nachdem wir uns das Leid hatten klagen lassen) und spazierten um neun wieder nach Hause.
Daheim dann nicht mehr viel. Wir hatten schon auf dem Heimweg aus diversen Kneipen den Start des WM-Finales mitbekommen, aber von allem anderen abgesehen, fand ich Spanien-Argentinien halt auch irgendwie eine langweilige Kombination. Wir schenkten uns das allerletzte Spiel dieser WM also auch (damit tatsächlich NICHTS gesehen) und zogen uns stattdessen mit einem rauchigen Fingerbreit Single Malt, abgefüllt von Berry Bros. & Rudd, aufs Sofa zurück. Dort ein paar Folgen der Rettungsschwimmer von Bondi Beach, nachdem wir herausgefunden hatten, wie man bei DMAX von der deutschen Synchronisation aufs englische Original wechselt. Und der australische Akzent ist einfach SO niedlich, dass es eine Schande wäre, da deutsche Stimmen drüberzuklatschen.